Heute vor 31 Jahren wurde bei Sopron das Tor in die Freiheit geöffnet- Aufhebung des Eisernen Vorhanges

Árpád Bella - Paneuropäisches Picknick

Der Paneuropäische Picknick-Gedenkpark ist auf der Liste der Ortschaften, die den meisten Einfluß auf die Geschichte von Europa hatten

Vor 31 Jahren, am 19. August fand das Paneuropäische Picknick bei Sopron statt, das zur Wiedervereinigung von Deutschland beigetragen hat. Dabei spielte Ungarn eine wesentliche Rolle.

2015 wählte die Europäische Kommission nach zweijähriger Arbeit von mehreren Hunderten, sechzehn Ortschaften aus, an denen historische Ereignisse stattgefunden hatten und die den meisten Einfluss auf die europäische Geschichte hatten. Zu den 16 Standorten gehörten u.a. die Akropolis in Athen, die Danziger Werft, das Geburtshaus von Robert Schumann, die zwei Häuser in Münster und Osnabrück, in denen der Westfälische Frieden unterzeichnet wurde, und unser Paneuropäischer Picknick-Gedenkpark bei Sopron in Ungarn.

Über das Ereignis des Sommers von 1989 wurde ein sehr guter Film auf Ungarisch, Deutsch und Englisch gedreht. Der Titel ist: „Nincs parancs“ (in Deutsch: Es gibt keinen Befehl). Die Uraufführung des Filmes findet am 8. September in Budapest im Urania Kino statt. Danach wird der Film landesweit in mehreren Städten vorgestellt. Schaut ihn Euch bitte an.

Kommandant Árpád Bella hatte Schießbefehl

Ich habe mehrere Beiträge über dieses wichtige Ereignis geschrieben. Schon hier in der Einleitung möchte ich die entscheidende Rolle des Kommandanten der ungarischen Soldaten an der Grenze zu Österreich am 19. August 1989, des Oberstleutnants Árpád Bella hervorheben, der damals einen Schießbefehl hatte. Er hätte auf die DDR Flüchtlinge, die über die Grenze von Ungarn nach Österreich geflohen sind, schießen müssen. Er hat es aber nicht gemacht. Er riskierte sehr, sehr viel. Laut der damaligen Gesetze hätte er mit einer langjährigen Haft im Militärgefängnis büßen müssen.
Er hat die Frage sehr klug und menschlich gelöst. Er zeigte seinen Rücken in Richtung von Ungarn, in die Richtung aus der die ehemaligen DDR-Bürger geflohen sind. Somit konnte er nicht „sehen”, was hinter seinem Rücken passierte! Ihm ist es zu verdanken, dass das ohne Blutvergießen stattfand!
Ich empfinde es sehr, sehr berührend. Solche Geschichten passieren oft in dem Alltag und zeige, dass nicht alles von den Politikern abhängt.

Schauen wir uns jetzt mal an, wie das einst war und was die vorherigen Prämissen waren.

Ich war als Reiseleiterin mit meinen deutschen Reisegästen mehrmals auf dem Schauplatz des Paneuropäischen Picknicks. Alle haben immer geweint.

Ich habe mich vor etwa 20 Jahren auch mit einem ungarischen Augenzeugen, Herrn László Nagy unterhalten, der das Picknick miterlebt hat und der das Mitglied des Kuratoriums und der Sekretär des Kuratoriums der Stiftung für das Paneuropäische Picknick ist.
Diesen Artikel stellte ich teilweise nach seinen Erzählungen zusammen.

Was ist eigentlich der Eiserne Vorhang? Von wem kommt der Ausdruck?

Winston Churchill sagte 1946, der Eiserne Vorhang sei auf Mitteleuropa niedergegangen.
Die 246 km lange, sog. Sicherungsanlage vom Typ „SZ-100”–, der Eiserne Vorhang” – wurde zwischen 1965-1971 errichtet.
Dadurch wurde das schon 1949 direkt an der österreichischen Grenze gebaute und mit Minenfeldern versehene Stacheldrahtsystem ersetzt. Jenes System hatte oft technische Probleme und man hätte den Nachschub an rostfreiem Draht nur durch Westimporte sichern können, weil die Sowjetunion die weitere Produktion des Systems eingestellt hat. Und da das Land an Devisen Mangel hatte, so hat sich das Politkomitee für den Abriss des Eisernen Vorhanges entschieden. Der offizielle Beginn des Abrisses wurde am 2. Mai 1989 auf einer internationalen Pressekonferenz in Hegyeshalom vor 200 in- und ausländischen Journalisten kundgetan.

Entscheidung über das Picknick

Die Außenminister Alois Mock und Gyula Horn zerschnitten den „Eisernen Vorhang” am 27. Juni 1989 demonstrativ. Gleichzeitig begannen die rumänischen Behörden mit dem Bau eines Stacheldrahtzaunes an der rumänisch-ungarischen Grenze und am Grenzstreifen wuchs die Zahl der von den Grenzsoldaten erschossenen Flüchtlinge!

Am 20.06. 1989 hat sich Ferenc Mészáros aus Debrecen, ehemaliges Mitglied von MDF in Debrecen mit Otto von Habsburg beim Abendessen nach seinem Vortrag in Debrecen darüber unterhalten, dass die Berliner Mauer, der Eiserne Vorhang zwischen der DDR und BRD trotz der positiven Aussichten immer noch stehen. Ferenc Mészáros meinte, dass sie dieses Gespräch an der ungarischen-österreichischen Grenze weiterführen müssten und sie dabei Speck im Rahmen eines Picknicks so braten könnten, dass die Hälfte der Gäste in Österreich sitzt und die andere an der Stelle des Eisernen Vorhanges, in Ungarn. Die Schirmherren waren Otto von Habsburg und Imre Pozsgay. Für den 19. August 1989 wurde der Termin des Picknicks vereinbart.

Das Picknick mit etwa 20 000 Teilnehmern ohne Blutvergießen

Alles wurde vorbereitet. Man hat dafür in dem ganzen Land und auch in 25 Botschaften Werbung gemacht. Ausländische Fernsehgesellschaften haben sich auch angemeldet. Auf den Einladungen stand:
„Paneuropäisches Picknick in Sopron, am Ort des „Eisernen Vorhangs”! Am 19. August 1989 ab 15 Uhr”

Am 11. August haben die Veranstalter den Kontakt mit dem Bürgermeister des Dorfes Margitbánya ((St. Margarethen) in Burgenland aufgenommen, welcher für das Ziel alles Notwendige in Bewegung gesetzt hatte.
In den letzten Tagen davor wurde die Bühne aufgebaut, Zelte aufgestellt, für das Feuer zum Speckbraten Baumzweige gesammelt. In diesen letzten Tagen haben sich schon viele DDR Bürger in Sopron aufgehalten! Es war kein Zufall, aber die Veranstalter haben nichts über ihre Anwesenheit gewusst.

Das ganze Programm begann am 19. August um 14 Uhr mit einer Pressekonferenz, welche sich verzögert hatte. Laut des Programms hätte die offizielle Delegation aus Sopron nach Österreich, nach Margitbánya (St. Margarethen) hingehen müssen und dann zurück auf den Schauplatz des Picknicks. Aber es konnte wegen der großen Anzahl der Anwesenden beim Tor nicht durchgeführt werden. Ca. 20 000 Leute haben das Picknick laut der Schätzung der Polizei besucht.

Zuerst liefen die DDR Bürger, ca. 150 Personen als Schnellzug über die Grenze und noch mehrere 100-te folgten den ersten 150. Und was ich für berührend halte und schon erwähnt habe, aber das kann meiner Meinung nach nicht genügend oft betont werden, dass der Kommandant der ungarischen Soldaten, Oberstleutnant Árpád Bella einen Schießbefehl hatte. Es wurde jedoch kein einziger Schuss abgegeben. Ihm ist es meiner Meinung nach zu verdanken, dass alles ohne Blutvergießen stattgefunden hat.
Auf dem 1. Foto oben ist Oberstleutnant Árpád Bella zu sehen. Hier breitet er seine Hände aus und sagt: „Was hätte ich machen können?“ (Foto: Foto: Tamás Lobenwein)

DDR Bürger ohne Einreisestempel nach Ungarn, aber mit gültigen Ausweisen nach Österreich!

Der Bürgermeister des österreichischen Dorfes hat für sie Unterkunft, Essen usw. zur Verfügung gestellt, deren Kosten durch die Selbstverwaltung von Margitbánya gesichert wurde. Er setzte sich auch mit der Botschaft der BRD in Kontakt. Was besonders ist, dass sie gültige Ausweise für die BRD hatten, die sie von der westdeutschen Botschaft in Budapest erhalten haben, diese jedoch nur auf österreichischem Boden gültig waren! In Ungarn nicht, weil die Einreisestempel gefehlt hatten…

Nachwirkungen der Veranstaltung

Einige Tage später wurden die Flüchtlinge von den Grenzbehörden aufgehalten.
Nach dieser Veranstaltung wollten die DDR-Bürger, die in Ungarn Urlaub gemacht haben, nicht mehr in das „40- Jahre- Erfolg –Land” zurückkehren. Vom 19. August bis zum10/11 September wurden für sie Flüchtlingslager in Budapest, in Zugliget und Csillebérc, sowie auch in Zánka am Plattensee aufgestellt.

Das damalige Gesetz besagte in der DDR, dass das Eigentum des Deserteurs an den DDR-Staat gehen soll. Deshalb forderte die DDR das ehemalige Eigentum der DDR Bürger, deren Autos (Trabi, Wartburg) zurück. In den ersten Tagen sammelten die ungarischen Behörden sie ein und sie schickten sie mit dem Zug in die DDR zurück. Danach hat es den ungarischen Behörden gereicht und sie haben keine weiteren „Autowunder“ der DDR mehr nach Hause geschickt.
Anstatt dessen kamen Fahrer von der Stasi aus der DDR nach Sopron, welche die Autos nach Hause gefahren haben… Jedoch haben sie es auch aufgegeben und das ungarische Volk hat die Autos zerlegt und die Komponenten wurden dann als Ersatzteile verwendet.

Es gibt weiterhin viele Fragen, die man immer noch nicht beantworten kann, wie u.a.: Hat die politische Regierung bewusst die Veranstaltung unterstützt? Warum? Haben die ungarischen Behörden über den Durchbruchswillen der DDR Leute gewusst?

Aber das Wesentlichste ist: Ungarn öffnete am 11. September 1989 um 0.00 Uhr seine Grenzen!

Ich bedanke mich für die freundliche Unterstützung von László Nagy, der Mitglied und Sekretär des Kuratoriums der Stiftung für das Paneuropäische Picknick 89`ist.

Die Fotos wurden von Tamás Lobenwein erstellt. Die Fotos wurden mit der Genehmigung der Páneurópai Piknik’89 Alapítvány (Stiftung für das Paneuropäische Picknick 89´) verwendet. Danke dafür!

Der Eiserne Vorhang bei Soporon

Der Eiserne Vorhang bei Sopron, Foto: Tamás Lobenwein

der Eiserne Vorhang bei Sopron

der Eiserne Vorhang bei Sopron

Foto: Tamás Lobenwein

das Paneuropäische Picknick

das Paneuropäische Picknick bei Sopron, Foto: Tamás Lobenwein

das Paneuropäische Pickncik bei Sopron

das Paneuropäische Pickncik bei Sopron, Foto: Tamás Lobenwein

das Paneuropäische Pickncik bei Sopron

das Paneuropäische Pickncik bei Sopron, Foto: Tamás Lobenwein

das Paneuropäische Pickncik bei Sopron

das Paneuropäische Pickncik bei Sopron, Foto: Tamás Lobenwein


Autor: Elisabeth Balazs
Reiseleiterin in Budapest und Ungarn, mit viel Herz und Humor

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Ihre Elisabeth

2020-08-27T16:08:15+00:00